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Handwerkskammer für München und Oberbayern
„Das Lehrstellenangebot ist größer als die Nachfrage, ein klarer Vorteil für die Jugendlichen“

Welche Entwicklungen nimmt die Ausbildung im Handwerk? Welche Trends sind zu beobachten? Und welche Folgen hat es, dass inzwischen immer mehr Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben? Fragen an Alexander Dietz, er ist bei der Handwerkskammer für München und Oberbayern der richtige Ansprechpartner für Nachwuchsförderung.

Herr Dietz, vor ein paar Jahren mussten Jugendliche noch viele Bewerbungen schreiben, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Warum ist es für junge Leute aktuell viel einfacher, eine Lehrstelle zu finden?

Der Ausbildungsmarkt hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Mittlerweile ist das Lehrstellenangebot größer als die Nachfrage, ein klarer Vorteil für die Jugendlichen. Das liegt einerseits am demografischen Wandel – es stehen einfach weniger Schülerinnen und Schüler für eine Ausbildung zur Verfügung. Außerdem wollen immer mehr Jugendliche so lange wie möglich zur Schule gehen und anschließend studieren. Diese Entwicklung ist leider nicht neu und trifft die duale Ausbildung und damit auch das Handwerk hart.

Es gibt rund 130 Handwerksberufe, die einen sind mehr, die anderen weniger bekannt. Warum tun sich manche im Wettbewerb um Azubis schwerer als andere?

Das Angebot im Handwerk ist riesengroß, für jedes Talent ist etwas dabei. Allerdings sind nicht alle Gewerke gleich bekannt und können auch nicht gleich viele Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen. Hinzu kommen geografische Unterschiede: Nur mal ein Beispiel: Bootsbauer brauchen beispielsweise ein Gewässer in der Nähe. Das ist nicht überall in Bayern gegeben und dementsprechend ist in diesem Beruf das Lehrstellenangebot auch kleiner als beispielsweise im Kfz-Handwerk. Umso wichtiger ist es, dass wir als Kammer umfassend über die berufliche Vielfalt im Handwerk informieren. Es gibt eine Fülle an Angeboten (Links siehe unten).

Wie ist die aktuelle Situation in Bayern, was die Ausbildung im Handwerk betrifft? Während der Pandemie blieben viele Lehrstellen auch im Handwerk unbesetzt. Hat sich die Situation mittlerweile wieder etwas entspannt?

Entspannt hat sich die Situation noch nicht. 2021 wurden 31.600 Lehrverträge im bayerischen Handwerk neu erfasst. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Rückgang um 0,1 Prozent. Im Vergleich zum Vor-Pandemie-Jahr 2019 fehlen uns gut sieben Prozent an Lehrverträgen. Durch die Corona-Pandemie wurden viele Ausbildungsmessen und Veranstaltungen zur Berufsorientierung ersatzlos gestrichen, es gab auch weniger Praktikumsplätze. Zwar wurden die Messen dann ins Netz verlagert, um virtuell für die Berufsausbildung zu werben, aber das ist einfach nicht das Gleiche: Unser Wirtschaftsbereich lebt davon, dass man auch mal den Hobel in die Hand nehmen und Berufe praktisch ausprobieren kann. Doch auch jetzt, nach Auslaufen der meisten Corona-Maßnahmen, stehen die Betriebe vor großen Herausforderungen, die ihr Geschäft beeinträchtigen und sich auf die Ausbildung auswirken können: Die explodierenden Energiepreise, Materialengpässe, die hohe Inflation etc..

Welche konkreten Folgen hat es für das Handwerk, wenn der Nachwuchs ausbleibt? Und wie könnte man jetzt noch gegensteuern, um wieder mehr Jugendliche ins Handwerk zu bringen?

Es ist noch nicht zu spät, das Ruder herumzureißen. Das Handwerk stellt Jahr für Jahr genügend Ausbildungsplätze zur Verfügung. Aber wir müssen noch mehr tun, näher an die jungen Leute ran, die Vorteile einer Ausbildung aufzeigen: Als Azubi im Handwerk verdient man vorm ersten Tag an sein eigenes Geld. Nach Abschluss der Lehre ist man sofort als vollwertige Fachkraft einsetzbar – das gilt längst nicht für jeden Studierenden. Aber auch die jungen Leute müssen sich ehrlich hinterfragen: Muss ich wirklich studieren, was kann ich mit dem Abschluss überhaupt anfangen? Ich finde es bewundernswert, dass sich so viele junge Leute ums Klima sorgen und sich für die Energiewende einsetzen. Im Handwerk kann man daran aktiv mitwirken: Hier arbeiten Menschen, die energiesparende Heizungen einbauen, Dächer dämmen und dabei helfen, weniger Wasser zu verbrauchen. Das bringt doch viel mehr, als nach der Schule ein Fach zu studieren, das niemand braucht. Denn eines ist klar: Wenn wir heute nicht genug ausbilden, fehlen uns morgen Fachkräfte und übermorgen Gründer und Übernehmer von Handwerksbetrieben.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dietz!

www.handwerk.de
www.lehrlinge-fuer-bayern.de

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