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IHK für München und Oberbayern
„Begeisterung für die Ausbildung entsteht in der konkreten Erfahrung“

Zur Jahrtausendwende lag unter allen Schulabgängern die Quote derer, die in Deutschland ein Studium aufnahmen, bei einem Drittel, heute bei deutlich über der Hälfte. Bildungsforscher haben diesen Anstieg über viele Jahre gefordert und dies damit begründet, dass ein hochtechnologisches Land mehr Akademiker brauche. Die Schattenseite dieser Entwicklung: Viele Betriebe suchen inzwischen händeringend nach Azubis. Wir unterhielten uns mit Hubert Schöffmann, er ist bildungspolitischer Sprecher des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags (BIHK) sowie Abteilungsleiter Berufliche Ausbildung bei der IHK für München und Oberbayern.

Herr Schöffmann, dass Betriebe immer größere Schwierigkeiten haben, Azubis zu finden, sieht man inzwischen auch daran, dass immer mehr Werbeplakate auf Autos, Firmenzäunen und Aushängen in Geschäften zu finden sind. Gleichzeitig fahren die IHKs, die sich ja um ihre Mitgliedsunternehmen kümmern müssen, ihre Bemühungen sichtbar hoch. Ist der Eindruck richtig, dass wir aktuell auch im Ausbildungsmarketing eine Zeitenwende erleben?

Ja, die Entwicklung verschärft sich jedes Jahr noch einmal mehr. In Bayern haben wir 2008 im IHK-Bereich den Höchststand der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge mit knapp 60.000 verzeichnet, dieser Stand wurde 2011 fast noch einmal erreicht. Seitdem stagnieren die Zahlen mit leichter Tendenz abwärts, zuletzt hat es sich durch die Corona-Krise noch verschärft. Dabei bieten die Ausbildungsbetriebe jedes Jahr mehr Stellen an und bemühen sich wirklich sehr darum, diese zu besetzen. Der zunehmende Fachkräftemangel lässt den Betrieben gar keine andere Wahl, da in den kommenden Jahren verstärkt die Boomer-Generation in Rente gehen wird.

Über viele Jahre haben Experten, unter Ihnen auch der Direktor des Direktorats für Bildung bei der OECD, Andreas Schleicher, dafür geworben, mehr Schüler: innen ins Studium zu bringen, weil nur so die Nachfrage der Firmen auch gestillt werden könne. Jetzt beklagen Firmen, dass sie zu wenige Azubis finden. Wie ist der Stand der Diskussion, was Bayern betrifft? Und wo liegt die Wahrheit?

Diese Diskussion um formale Akademisierungsgrade hat aus meiner Sicht nie wirklich auf Deutschland mit seinem traditionsreichen und differenzierten System der Berufsqualifikation gepasst. Dabei wurde vollkommen außer Acht gelassen, dass es in anderen Ländern ein solch erfolgreiches berufliches Bildungssystem wie unseres gar nicht gibt. Für solche Länder mag die Akademisierungsquote in bildungspolitischen Analysen mehr Aussagekraft haben. Wir wissen aus Erfahrung, dass unsere Betriebe sehr auf ihren praxisnah ausgebildeten Nachwuchs bauen und nicht immer mehr Akademiker benötigen. Natürlich werden auch Akademiker gebraucht, aber die Mischung muss stimmen. Und die hohen Abbruchquoten in vielen Studienfächern bis zu 40 Prozent legen zudem nahe, dass der Berufseinstieg über einen akademischen Abschluss in vielen Fällen nicht die ideale Lösung ist.

Die bayerischen IHKs machen viel, um für Berufe und Ausbildungen zu werben. Bewährt hat sich offenbar die Idee, Azubis als sogenannte Ausbildungsscouts in die Schulen gehen zu lassen. Gleichzeitig gibt es die Bildungspartnerschaften, über die Schüler: innen die Möglichkeiten bekommen, sich bei Unternehmen vor Ort umzuschauen. Reicht das alles, um junge Menschen für eine Ausbildung zu begeistern?

Mit den Ausbildungsscouts und den Bildungspartnerschaften erreichen wir auf jeden Fall viele Schülerinnen und Schüler, die an ihren Schulen sonst vielleicht nie so konkret mit dem Thema Ausbildung in Berührung kommen würden. In Bayern haben wir auch noch die Image-Kampagne „Elternstolz“ für die Ausbildung, mit der wir auch die Eltern ins Boot holen. Außerdem führen die IHKs Ausbildungsmessen durch, die sehr gut ankommen. Unsere Erfahrung dabei ist immer wieder, dass die Begeisterung für die Ausbildung in der konkreten Erfahrung entsteht – insofern helfen diese Projekte auf jeden Fall. Trotz vieler engagierter Lehrerinnen und Lehrer rangiert das Thema Berufsorientierung an vielen Schulen ja doch eher unter ferner liefen oder es läuft gleich unter der Überschrift Studienberatung. Fakt ist auch, dass nur die wenigsten Lehrer eigene Erfahrungen in der beruflichen Ausbildung gemacht haben. Unser großer Wunsch ist, dass eine realistische und talentorientierte Berufsorientierung noch stärker in den Lehrplänen verankert und gelebt wird.

Wenn man über Ausbildungswege und Jobaussichten spricht, geht es irgendwann einmal auch um Verdienstmöglichkeiten. Ein Argument derer, die mehr Hochschulabsolventen fordern, war immer, dass man schon an den höheren Löhnen für Akademiker ablesen könne, dass sie begehrter seien. Wie gehen Sie mit diesem Argument um?

Studien zeigen eindeutig, dass über die ganze Berufslaufbahn gesehen viele beruflich Qualifizierte ähnliche Einkommen wie Akademiker erzielen können. Man darf auch nicht vergessen, dass akademische Berufe eine sehr hohe Bandbreite haben und bei weitem nicht jeder Uni-Absolvent Spitzengehälter verdient. Dagegen sind die Verdienstmöglichkeiten für beruflich qualifizierte Fachleute in vielen Branchen durchgehend sehr gut. Daneben bietet die Ausbildung eine hohe Absicherung gegen Arbeitslosigkeit.

Manchmal ergeben sich Berufswege, die so nicht geplant waren. Sie hatten im Alter von 16 bestimmt auch noch nicht vor, einmal bei einer IHK zu arbeiten, oder?

Nein, das stand nicht auf dem Plan, wahrscheinlich hatte ich damals noch gar keinen Plan. Ich persönlich war erst mal froh, dass das Schulbankdrücken vorbei war. Meine Ausbildung zum Energieanlagenelektroniker, wie der Beruf seinerzeit hieß, hat sich dann als exzellentes Fundament für meinen weiteren Weg erwiesen. Ich möchte das nicht vermissen und ich persönlich habe der Beruflichen Bildung viel zu verdanken. Dass ich im Laufe meines beruflichen Weges dann immer wieder auf die „Schulbank“ zurück musste, hätte ich so auch nicht vorhergesehen. Theorie war immer wieder erforderlich, sei es in der Ausbildung selbst, in der Fortbildung oder später beim berufsbegleitenden Studium. Wichtig war für mich die persönliche Erkenntnis, dass Bildungswege keine Sackgasse sind, sondern es in unserem Bildungssystem vielfältigste Möglichkeiten gibt, sich weiter zu entwickeln. Dass ich dann irgendwann in der IHK im Bereich Berufliche Bildung gelandet bin und alle vorherigen beruflichen Erfahrungen hier sinnstiftend einsetzen kann, ist dann ein richtiger Glücksfall gewesen.

Danke, Herr Schöffmann, für das Gespräch!

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