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Allianz für Ausbildung
„Tarifverträge steigern die Attraktivität der Ausbildung“

Unter Federführung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz gibt es seit 2014 die „Allianz für Aus- und Weiterbildung“. Sie ist mit Vertreter:innen aus der Politik (Bund und Länder), der Bundesagentur für Arbeit, der Wirtschaft und der Gewerkschaften stark besetzt und tritt dafür ein, die Attraktivität und die Qualität der dualen Ausbildung zu stärken, Matchingprobleme zu lösen und vor allem junge Menschen für die duale Ausbildung zu gewinnen. Über die Probleme in der Ausbildung sprachen wir mit Stefanie Holtz, sie ist Ressortleiterin „Junge IG Metall und Studierende“ im Vorstandsbereich der IG Metall.

Frau Holtz, es gibt kaum einen Bereich, in dem sich die Vorzeichen so verändert haben wie in der Ausbildung. Vor nicht allzu langer Zeit gab es zu wenig Ausbildungsplätze und auch die Gewerkschaften forderten von der Wirtschaft und der Politik, für mehr Stellen zu sorgen. Heute sind die Gewerkschaften Teil der Allianz für Ausbildung und möchten mithelfen, mehr Leute von den Vorteilen einer Ausbildung zu überzeugen. Wie sehen Sie diesen Wandel?

Eine solide Ausbildung ist wichtig für die Menschen und das Land. Auf der einen Seite mangelt es aber an guten betrieblichen Ausbildungsplätzen und auf der anderen Seite steigt die Anzahl an unversorgten Bewerberinnen und Bewerbern. Regional und auch zwischen einzelnen Branchen sind die Unterschiede zudem sehr groß. Hinzu wächst jährlich die Zahl von jungen Menschen, die aus allen Statistiken rausfallen, da sie sich nicht bei den Agenturen melden. Die Herausforderungen sind in der Allianz bekannt: Häufig scheitern konkrete Gesetzesvorschläge und Maßnahmen jedoch an einer Blockadehaltung der Arbeitgeber.

Was meinen Sie mit Blockadehaltung?

Wo es Tarifverträge gibt, können wir mit dem Druck der Gewerkschaftsmitglieder Ausbildungsplätze absichern oder auch die Attraktivität der Ausbildung steigern. Vereinbarungen zur Schaffung von Ausbildungsplätzen oder zur Sicherung der Ausbildungsqualität verhandeln wir direkt mit den Arbeitgebern bzw. den Arbeitgeberverbänden. In der Allianz als einem Thinktank sind solche konkreten Maßnahmen nicht möglich: Sobald es darum geht, dass Kosten für die Unternehmen steigen, steigen sie aus. Darum brauchen wir Druck über die Belegschaften, beispielsweise mit Warnstreiks im Rahmen von Tarifrunden.

Welche Rolle spielt in der aktuellen Situation die Höhe der Ausbildungsvergütungen?

Eine entscheidende! Ich kann mich noch gut an die Zeit zurückerinnern, als ich selber auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz war. Meine Eltern wollten, dass ich eine Ausbildung in einem Betrieb mit Tarifvertrag anfange, damit ich finanziell früher auf eigenen Beinen stehen und mir beispielsweise ein Auto für die Fahrt zum Betrieb leisten konnte. Wer heute einen Fachkräftemangel beklagt, muss an die duale Berufsausbildung ran und sie attraktiver machen: Betriebe müssen sich stärker um Bewerber:innen bemühen und ihnen auch etwas bieten: Wenn Auszubildende mobil sein sollen und den Wohnort wechseln müssen, dann müssen vor allem in Ballungszentren Wohnmöglichkeiten geboten und Fahrtkosten übernommen werden.

Wie hoch müssten Ihrer Meinung nach Azubi-Vergütungen steigen, um wieder mehr Schulabgänger für die duale Ausbildung zu gewinnen?

Die Einführung der Mindestausbildungsvergütung im Jahr 2020 hat sicher dafür gesorgt, dass in einigen Betrieben die Ausbildungsvergütungen gestiegen sind. Momentan liegt sie bei 585 Euro für Auszubildende, die zum 1.8. oder 1.9.2022 starten. Das reicht bei den aktuellen Preissteigerungen nicht aus, um eigenständig leben zu können. Wichtig ist aber, dass Auszubildende genügend Geld haben, um eigenständig ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Dazu zählt auch Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und der Zugang zu einer Wohnung und gesundem Essen. Und hier sind sie in Betrieben mit Tarifverträgen besser dran.

Was müsste Ihrer Meinung neben der höheren Vergütung noch getan werden, um die Ausbildung attraktiver zu machen?

Wir brauchen ein neues Verständnis von Lernbegleitung für lernschwächere Auszubildende. Ausbilder:innen werden zukünftig Coaching-Kompetenzen benötigen. Wichtig ist auch der Blick auf die Chancengerechtigkeit am Ausbildungsmarkt: Als Mensch mit Hochschulreife kann ich laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit im Schnitt aus 4,67 Ausbildungsplätzen frei wählen. Für einen Menschen mit Hauptschulabschluss gibt es nur noch 0,78 Ausbildungsplätze. Da liegt ein großes Potenzial. Arbeitgeber:innen müssen endlich flächendeckend in die Jugend investieren.

Vielen Dank, Frau Holtz, für das Gespräch!

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