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Berufsorientierung an Schulen
„Häufiger als früher sprechen mich Bekannte an, ob man nicht Auszubildene vermitteln kann“

Wie denken BO-Koordinator:innen über ihre Aufgabe? Und wie denken andere darüber? Wir wollten es wissen und haben an einige Schulen in Deutschland Fragen geschickt. Einige Antworten möchten wir an dieser Stelle veröffentlichen. Bitte schreiben Sie uns, wenn wir auch Sie künftig anschreiben dürfen, wenn wir es einmal ganz genau wissen wollen – wir würden uns sehr darüber freuen! Unsere Adresse: info@berufsorientierung-plus.de.

Welche Verantwortung spüren Sie als BO-Berater:in vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels?

Durch den regelmäßigen Austausch mit den regionalen Unternehmen im Umkreis unserer Schule ist es uns bewusst, dass vor allem viele kleinere und mittelständische Unternehmen Probleme haben, Auszubildende zu bekommen.

Dominik Schwarz, Staatliche Realschule Osterhofen

Ein wichtiger Aspekt scheint es mir zu sein, die Betriebe darauf aufmerksam zu machen, dass in vielen SuS auch ein großes Entwicklungspotential steckt. Viele Schülerinnen und Schüler haben gerade im Bereich der Softskills noch Entwicklungsbedarf. Wenn man hier als Ausbildungsbetrieb Energie investieren würde, würde es sich sicher bei vielen SuS auszahlen. Als Beratungslehrerinnen können wir aber gucken, welche Betriebe und welche SuS passen zusammen, sodass die Potentiale auch gefördert werden können.

Katrin Calvez, Hauptschule Hiltrup

Wir spüren an der Schule die wachsende Bedeutung unserer Arbeit und versuchen das Thema „berufliche Orientierung und Beratung“ schon frühzeitig in den Unterricht zu integrieren. Dabei spielen bei uns an der Schule der Boys‘ and Girls‘ Day, aber auch das Fach WBS (Wirtschaft-Berufs- und Studienorientierung), die Kompetenzanalyse Profil AC an Realschulen, Praktikumserfahrungen und ein so genannter schulinterner Berufetag eine entscheidende Rolle. Ziel ist es, die SuS schon frühzeitig mit dem Thema Berufsorientierung in Kontakt treten zu lassen und sie immer wieder darin zu bestärken, weitere Erfahrungen zu sammeln und sich dann im Klassenverbund darüber auszutauschen.

Tobias Weber, Uhland-Realschule Aalen

Als ich noch in der Schule war, hat uns kein Mensch aus der Schule bei meiner Berufswahl „geholfen“. Das war meine Angelegenheit bzw. die meiner Eltern. Doch die Wahlmöglichkeiten für die Schüler wurden vielfältiger und somit auch unübersichtlicher. Viele der jetzigen Eltern fühlen sich überfordert. Deshalb hat die Berufsorientierung auch in der Schule ihren Platz und wird immer wichtiger.

Inge Schmidt, Johann-Georg-August-Wirth-Realschule Hof

Ich mache es vor allem an den zunehmenden Anfragen fest, die mich per Mail, auf dem Postweg oder auch in persönlichen Gesprächen erreichen. Vor allem werden freie Ausbildungsplätze beworben, zu Info-Veranstaltungen eingeladen und Info-Material zugesendet. Dies hat mehr als deutlich zugenommen.

Werner Misch, Hermann-Leeser-Schule, Dülmen

Viele Unternehmen bzw. staatliche Instanzen, wie bspw. das Finanzamt nehmen zunehmend Kontakt zur Schule auf und machen auf die Problematik aufmerksam. Hier ist meiner Meinung nach die Aufgabe der Beratungslehrer:innen, die Schnittstelle zu den Schüler:innen zu sein und diese zu informieren und zu beraten.

Nadine Geef, Ernst-Barlach-Gymnasium, Castrop-Rauxel

Wir spüren den Mangel an Fachkräften bei den Unternehmen gerade hier im ländlichen Bereich sehr stark und werden vielfach angefragt, Informationen und Angebote an die Schülerinnen und Schüler weiterzugeben. Diesem Anliegen kommen wir gerne nach, zumal auch von Unternehmen vermehrt sehr attraktive Angebote vorgestellt werden. Das sind z.B. auch duale Studiengänge, tolle Weiterbildungs- und Qualifikationsangebote sowie attraktive Arbeitsmodelle.

Bärbel Lüttig, Schulen der Brede, Brakel

Wie reagieren Menschen, denen Sie von Ihrer BO-Aufgabe an der Schule erzählen?

DS: Wenn ich mit Freunden, Bekannten und Eltern über die Fülle an Projekten und Maßnahmen im BO-Bereich spreche, dann erhalte ich sehr oft als Feedback, dass dies zur eigenen Schulzeit – wenn überhaupt – nur einen geringen Stellenwert hatte. Mittlerweile wird an den Schulen im Bereich der beruflichen Orientierung eine große Qualität geboten.

KC: Häufiger als früher sprechen mich Bekannte an, ob man nicht Auszubildene vermitteln kann. Die eigene „bevorzugte Behandlung“ ist dabei häufig schon inbegriffen.

TW: Ich habe bislang nur positive Erfahrungen und Rückmeldungen von Menschen erhalten. Viele Menschen, die ich auch aus dem Privatleben kenne, haben mir angeboten an die Schule zu kommen, um über ihre Arbeit, ihren Arbeitgeber und ihr Umfeld zu berichten. Generell muss ich sagen, dass die Gesellschaft sehr offen für die berufliche Orientierung an der Schule ist.

IS: Viele wundern sich, dass sich die Schule um dieses Thema kümmert und auch kümmern muss.

WM: Die Bedeutsamkeit und Wichtigkeit dieser Aufgabe werden hervorgehoben. Aber es wird auch die Schwierigkeit dieser Aufgabe gesehen, Jugendliche bei diesen Lebens-Entscheidungen orientierend zu begleiten.

NG: Viele sind überrascht, wie vielfältig die Aufgaben sind und was alles in der Schule für die Berufsfindung gemacht wird. Viele sind sehr offen und bieten Einblicke in die Berufsfelder an.

BL: Insbesondere ist auffällig, dass unsere Arbeit wahrgenommen wird und vor allem bei Eltern als sehr hilfreich und unterstützend empfunden wird. Im privaten Bereich wird vor allem hervorgehoben, dass diese Form der Arbeit an Schulen in den „früheren“ Zeiten v.a. auch an Gymnasien überhaupt keinen Platz hatte und eher belächelt wurde. Auch in privaten Zusammenhängen wird man dann auch gerne mal als Beraterin für die eigenen Kinder in Anspruch genommen. Eine Bitte, der wir natürlich auch gerne nachkommen.

Wie lauten Ihre heißen Tipps für neue BO-Berater:innen?

DW: Tipp 1: Berufliche Orientierung ist ein fächerübergreifendes Bildungsziel und demnach sollte man als BO-Koordinator:in an der Schule eine personell breit aufgestellte Arbeitsgruppe bilden. Mein Tipp Nummer 2: Die berufliche Orientierung jedes einzelnen Schülers sollte sich primär an dessen individuellen Stärken und Interessen orientieren und anhand dieser Grundlage sollten dann die nachfolgenden Unterstützungsangebote gesteuert werden. Und schließlich meine Nummer 3: Nutzen Sie unbedingt Partnerschaften mit regionalen Unternehmen, innovativen Startups im Bereich der beruflichen Orientierung und den Berufsberater:innen der Bundesagentur für Arbeit.

KC: Mein Tipp Nr. 1: Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, mit den SuS herauszuarbeiten, welche Berufe ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten entsprechen. Dabei dürfen die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes nur eine völlig untergeordnete Rolle spielen. Meine Nummer 2: Viele Arbeitgeber möchten die Schulen und damit die Stubo´s bei ihrer Suche nach dem oder der neuen Auszubildenden mit ins Boot nehmen. Man wird zunehmend mit Anfragen bombardiert. Ich finde jedoch – und das ist mein Rat –, dass dies Sache der Arbeitsagenturen ist und dass man sich nicht instrumentalisieren lassen sollte. Und meine Nummer 3: Die Arbeit als BO-Berater*in ist so vielschichtig, dass man sich selber schnell aus dem Blick verliert. Man sollte seinen eigenen Anspruch immer wieder neu überdenken und seine Arbeit gut strukturieren.

TW: Nummer 1: Schnell ein Netzwerk zu Betrieben, Institutionen und Einrichtungen aufbauen. Nummer 2: An vielen Fortbildungen zum Thema „Berufliche Orientierung“ teilnehmen. Und meine Nummer 3: 3: Neue Wege gehen und neue Formate wählen – dies hat auch die Corona-Pandemie gezeigt, wie toll, flexibel und schnell sich unsere Schülerinnen und Schüler auf neue Begebenheiten einstellen

IS: Meine Nummer 1: Die Ohren offenhalten im Bekanntenkreis. Und zweitens: Kontakte zu entsprechenden Stellen knüpfen und pflegen.

WM: Mit Schülerinnen und Schülern, Eltern, dem Kollegium und den Betrieben im Gespräch bleiben, persönliche Kontakte pflegen, ein individuelles Netzwerk der Berufsorientierung aufbauen. Dann ist eine gute Selbstorganisation notwendig, die Nutzung digitaler Medien erscheint mir dabei unverzichtbar zu sein. Und schließlich: Positives Denken, lösungsorientiertes Arbeiten und Freude an dem eigenen Tun kann die Schüler gut motivieren, ihre Berufswahlentscheidungen anzugehen.

NG: Erstens: Ein großes Netzwerk aufbauen, gerade lokale Ansprechpartner finden. Dann: Trotz Widerstände und organisatorischer Probleme nicht aufgeben. Und Drittens: Der Schülerschaft möglichst viele Praxisphasen ermöglichen.

BL: Meine Nummer 1: Interessieren Sie sich für die Jugendlichen, hören Sie zu und geben Sie Input und Gedankenanregungen. Lassen Sie sich auf die Gedankenwelt der Generation Z ein. Geben Sie keine Wertungen ab und vermeiden Sie plakative, allgemeine Einschätzungen. Es geht immer nur um den einzelnen Jugendlichen selbst. Die Gespräche sollten immer dialogorientiert sein. Nummer 2: Informieren Sie sich über alle aktuellen Entwicklungen, nehmen Sie an Fortbildungen durch Berater der Arbeitsagenturen, der Universitäten sowie an Onlineangeboten teil. Die Studien- und Berufswahlorientierung ist ein sehr dynamisches, aber genau deshalb auch so ein spannendes Feld. Bleiben Sie neugierig, offen und sehen sie Neuerungen und Veränderungen als Chance und positiv. Und schließlich meine Nummer 3: Beziehen Sie die Eltern mit ein und schaffen Sie ein schulisches System mit wöchentlichen und möglichst auch täglichen Angeboten – wir sind ja in jeder Mittagspause da! Gehen Sie auch auf die Jugendlichen zu und lassen Sie ihnen Zeit. Berufswahlreife ist ein Prozess, der über Jahre wächst, man kann ihn nicht erzwingen oder beschleunigen, nur begleiten und die Jugendlichen stärken.

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