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Fachkräftemangel durch Passungsprobleme
„Es ist einfach wichtig, dass Unternehmen ihre Berufe vorstellen“

Helen Hickmann und Anika Jansen vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln betreuen das Projekt „Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung“ (KOFA). In einer vielbeachteten Studie mit dem griffigen Namen „Lockdown am Ausbildungsmarkt“ zeigen die Autorinnen, welche Faktoren den Fachkräftemangel in Deutschland noch einmal deutlich verschärfen könnten.

Frau Hickmann, Frau Dr. Jansen, Sie schreiben in Ihrer Studie von beruflichen Passungsproblemen, die der Wirtschaft deutlich mehr als bisher zusetzen könnten. Was versteht man darunter?

Helen Hickmann: Der Hintergrund ist der: Die Anzahl von Berufen, in denen es sowohl viele unbesetzte Stellen als auch viele unversorgte Bewerber gibt, ist tatsächlich eher gering. Deutlich häufiger gibt es aber Berufe, in denen eines von beiden hoch ist, man also entweder Bewerber- oder Stellenmangel hat.

Anika Jansen: Ganz konkret bedeutet das: Die Jugendlichen interessieren sich häufig für andere Berufe als die, die von den Betrieben angeboten werden. Einige Berufe haben einfach ein Attraktivitätsproblem, zum Beispiel die Fleischer. Andere Berufe, z.B. im Bereich Medien, sind wiederum sehr beliebt. Dort ist die Nachfrage über dem Angebot. Häufig haben Jugendliche aber auch einfach zu wenig Informationen. Daher ist es einfach wichtig, dass sich Unternehmen in der Berufsorientierung engagieren und dort ihre Berufe vorstellen. Das können sie zum Beispiel im Rahmen von Schulkooperationen tun. Passungsprobleme können aber natürlich auch an regionalen oder qualifikatorischen Diskrepanzen liegen. Da können eine Stärkung der regionalen Mobilität oder auch eine bessere Einstiegsqualifizierung helfen.

Es gab in der Vergangenheit gerade bei Lehrkräften an den Schulen einen Effekt zu beobachten, der Wirtschaftsstudierenden meist schon im ersten Semester begegnet und einen Nachfragezyklus erklärt. Der sogenannte „Schweinezyklus“ beschreibt, wie eine erhöhte Nachfrage nach Berufsanfängern dazu führt, dass zu viele Schulabgänger die Ausbildung beginnen. Ist dieses Phänomen am Arbeitsmarkt überhaupt noch oft zu beobachten? Man hat eher das Gefühl, dass manche Berufe chronisch unterversorgt sind, was Nachwuchs betrifft.

Anika Jansen: Genau, das Phänomen des sogenannte „Schweinezyklus“ würde ja implizieren, dass die Fachkräfteengpässe immer wieder kommen und gehen. In der Tat beobachten wir aber, dass es viele Berufe gibt, die schon lange unter Fachkräfteengpässen leiden. Dort kann man empirisch diesen Schweinezyklus nicht erkennen. In vielen Elektronikberufen wie beispielsweise in der Gebäudetechnik oder den Berufen der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, liegen seit zehn Jahren durchgängig Engpässe vor, obwohl die neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in den letzten Jahren bis 2019 kontinuierlich gestiegen sind. Obwohl viele junge Leute in diese Ausbildungen einmünden, haben sich die Engpässe nicht reduziert. Auch im Bereich Metallbau und Mechatronik gibt es seit dem Jahr 2010 durchgehend Fachkräfteengpässe. Wir können somit nicht beobachten, dass es in Berufen, in denen es Anfang 2010 Fachkräfteengpässe gab, nun besonders viele Arbeitslose gibt.

Helen Hickmann: Wir erkennen auch strukturell, dass nicht nur in bestimmten Branchen Arbeitskräfte fehlen, sondern vor allem auch in bestimmten Berufen auf Fachkraftniveau, in denen man eine abgeschlossene Ausbildung braucht. Auch in diesen Bereichen wird schon seit vielen Jahren versucht, mehr Jugendliche in die Ausbildung zu bringen. Aber durch die höhere Abiturientenquote und die Bachelorreformen streben viele Jugendliche ins Studium. Wenn sich langfristig mehr Jugendliche für eine Ausbildung entscheiden würden, würden sich die Engpässe in einer Reihe von Berufen entspannen. Es ist somit aber unwahrscheinlich, dass sich dort bald ein Überangebot an Fachkräften bildet. Darüber hinaus ist der Fachkräftemangel aktuell durch die demographische Entwicklung ein langfristiges Problem. Jedes Jahr geht allein durch die Alterung der Gesellschaft mit 300.000 Menschen eine Stadt an potenziellen Arbeitskräften verloren.

Wie können Lehrerinnen und Lehrer, die in der Berufsberatung tätig sind, und wie können die Schüler nun selbst Kapital aus der Situation schlagen? Denn wenn immer mehr Unternehmen händeringend nach Nachwuchs suchen, müssten die Arbeitsmarktchancen doch eigentlich rosig und die Gehälter hoch sein. Wie finde ich als Schulabsolvent/in Berufe, in denen ich in der Ausbildung begehrt bin und vielleicht sogar auch noch überdurchschnittlich gut bezahlt werde?

Anika Jansen: Die Arbeitsmarktchancen in den jetzigen Engpassberufen sind tatsächlich sehr gut und werden es durch den demographischen Wandel voraussichtlich auch in Zukunft sein. Grundsätzlich kann man sagen, dass eine betriebliche Ausbildung immer eine gute Eintrittskarte ins Berufsleben ist, da die Ausbildungsordnungen auch ständig aktualisiert und an den technischen Fortschritt angepasst werden. Ein großer Teil der Auszubildenden wird direkt beim Ausbildungsbetrieb übernommen oder findet sofort im Anschluss bei einem anderen Betrieb eine Beschäftigung. Wir beim KOFA publizieren auf www.kofa.de regelmäßig Studien, die zeigen, in welchen Bereichen es Fachkräfteengpässe gibt. Wir richten uns zwar eigentlich an Unternehmen, aber Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte können sich dort auch informieren. Ansonsten lohnt es sich auch, mit der ortsansässigen Kammer oder den Berufsberatern der Bundesagentur für Arbeit zu sprechen.

Helen Hickmann: Auf der Seite vom IW finden Sie auch eine interaktive Graphik (Link siehe unten), die für jeden Beruf die Löhne und Beschäftigungschancen graphisch darstellt, auch nach Anforderungsniveau wie beispielsweise einer betrieblichen Ausbildung. Dort können sich Lehrer und Schüler auch informieren.

Bei der Berufswahl kommt es in erster Linie auf Interessen und Neigungen an, das sagen die einen. Gleichzeitig sind tolle Arbeitsmarktchancen in einem Job ja auch nicht zu verachten. Perfekt wäre doch, wenn Ausbildungsbetriebe Jugendliche mit Kusshand aufnehmen, die Azubis sich gleichzeitig aber auch sagen könnten: Ich weiß, was auf mich zukommt, ich freu mich richtig auf den Job und auf meine berufliche Zukunft hier! Wie kann man jetzt diese zwei Motive bei der Berufswahl irgendwie zusammenbringen?

Helen Hickmann: Natürlich sind beide Aspekte unglaublich wichtig. Die Berufswahl muss den Neigungen entsprechen. Dennoch kann dort, wo man gute Arbeitsmarktchancen hat die Motivation auch entsprechend hoch sein. Daher ist es wichtig, dass sich die Schülerinnen und Schüler die Zeit nehmen, um sich über die verschiedenen Berufe zu informieren. Und das sollte nicht nur theoretisch sein, sondern auch ganz praktisch über Berufspraktika.

Anika Jansen: Die Neigung ist ganz entscheidend. Es zeigt sich, dass in der zukünftigen Arbeitswelt gerade Fähigkeiten wie Kreativität und eigenständiges Arbeiten gefragt sein wird. Gerade die kreativen Tätigkeiten können ja nicht automatisiert werden. Eine KOFA-Studie hat außerdem gezeigt, dass im Kontext der Digitalisierung die Bedeutung von Selbstständigkeit stark steigen wird. Vor allem aber wird die Fähigkeit zu lernen wichtiger, denn durch die Einführung neuer digitaler Technologien wird der Weiterbildungsbedarf steigen. Das sind Fähigkeiten, die leichter entwickelt werden können in Berufen, in denen man selbst wirklich Spaß hat und motiviert ist.

In der Studie nennen Sie auch Empfehlungen an die Firmen. Sie sollen sich attraktiver machen und sich bei den Schülerinnen und Schülern an den Schulen vorstellen. Fällt Ihnen etwas ein, wie die Beratungslehrer*innen an den Schulen die Unternehmen dabei unterstützen könnten? Oder so gefragt: Wie finde ich als StuBO Unternehmen, die mit großer Begeisterung eine Einladung an die Schule annehmen und dort erzählen, was die Firma so macht?

Helen Hickmann: Als Lehrkraft haben Sie viele Möglichkeiten, sich in der Berufsorientierung zu engagieren. Veranstaltungen organisieren, Elternabende, mit der Klasse Betriebe besichtigen oder Betriebe eine Unterrichtsstunde gestalten lassen. Vielleicht laden Sie auch mal die Auszubildenden eines Betriebs ein, vor denen haben die Schüler meistens weniger Hemmungen Fragen zu stellen. Sie können mit den Schülern auf Ausbildungsmessen gehen oder sie animieren, an einem Azubi-Speed Dating teilzunehmen.

Anika Jansen: Es gibt viele Firmen, die händeringend Auszubildende suchen. Um den Kontakt zu den Betrieben zu bekommen, wenden Sie sich am besten an die ortsansässige Handwerks- oder Handelskammer. Dort arbeiten zum Beispiel auch die Berater und Beraterinnen der passgenauen Besetzung, die Betrieben helfen, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Die haben den direkten Kontakt zu den Unternehmen und sind mit Sicherheit sehr offen, mit den StuBOs zusammenzuarbeiten. Ansonsten können Sie sich auch an die Arbeitsagentur, bzw. die dortigen Berufsberater, wenden.

Frau Hickmann, Frau Jansen, vielen Dank für das Interview!

https://www.iwkoeln.de/studien/alexander-burstedde-ruth-maria-schueler-reagieren-loehne-in-deutschland-auf-den-fachkraeftemangel-489895.html

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