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Berufsfindung
„Was ist mein beruflicher Plan?“

„Der Job, der zu mir passt!“ So heißt ein Buch der Berufsberaterin Uta Glaubitz, das sich inzwischen seit über 20 Jahren sehr gut verkauft. Und zwar auch deshalb, weil es dem Plan bei der Berufswahl die zentrale Rolle zuweist. Im Interview betont sie, wie wichtig ein solcher Plan für das berufliches Glück ist.

Frau Glaubitz, was hat sich in den letzten 20 Jahren in der Berufsberatung verändert?
Die Frage „Wie will ich mein Leben gestalten?“ ist unabhängig von Moden, Zeitgeist oder wirtschaftlichen Entwicklungen. Es ist eher eine Frage, die zum Menschsein dazugehört: Wer will ich sein? Wie will ich leben? Womit will ich mich beschäftigen und womit mein Geld verdienen? Allerdings gibt es natürlich heute viel mehr Möglichkeiten sich abzulenken, zum Beispiel durch Weltreisen, hintereinander gereihte Freiwilligendienste, elternfinanzierte Gapyears und Praktika im Sechserpack. So schön sich das anhört, im Guesthouse in der Karibik rumzuhängen: Es ist ja meistens das Ausweichen vor der großen Entscheidung. Das tut aber dem Selbstbewusstsein langfristig nicht gut.

Manche Jugendliche sehen zunächst einmal keinen Anlass, sich über ihre Zukunft den Kopf zu zerbrechen. Ist das ein Problem?
Für einen jungen Menschen ist die unmittelbare Zukunft oft viel wichtiger als die langfristige Zukunft. Ein Erwachsener sieht eher die Notwendigkeit, sich über Berufsplanung Gedanken zu machen. Aber für Jugendliche sind „Fragen für Übermorgen“ viel wichtiger als „Fragen für in 10 Jahren“. Zweitens begreifen viele gar nicht, in welchem Verhältnis Arbeiten, Geld erwirtschaften und Sich-Wünsche-Erfüllen stehen. Drittens haben viele junge Leute von Haus aus genug Geld – ein bisschen studieren, dann noch ein Auslandsaufenthalt, noch ein Kurs, noch ein Stipendium – und immer so weiter. Und je weiter man sich vom realen Arbeitsleben entfernt, desto schwieriger wird der Weg dorthin.

Was sollte man bei der beruflichen Orientierung an den Anfang stellen?
Die oberste Priorität muss immer sein: Was ist mein beruflicher Plan? Dieser berufliche Plan muss zu allererst ein Ziel haben, nämlich einen Beruf, mit dem man seinen Lebensunterhalt erwirtschaftet. Ich zähle mal ein paar Sachen auf, die kein beruflicher Plan sind: „Ich gehe ein Jahr nach Argentinien“, „Ich studiere Sprachen“, „Mir ist Klimaschutz sehr wichtig“, „Ich interessiere mich für Wirtschaft“ oder „Ich studiere Europäische Medienwissenschaften“. Einen Kurs zu belegen ist keine Berufsplanung. Eine Berufsplanung muss bestehen aus der Entscheidung für ein Ziel – das ein Beruf ist, keine Beschäftigungstherapie – und einigen Schritten, wie man von A nach B kommen will. Man schafft also viel Klarheit, wenn man sich zunächst auf die Entscheidung für einen konkreten Beruf konzentriert – und dann erst auf den Weg dorthin. Die meisten aber machen erstmal irgendwas – und fragen sich danach, wohin das führen könnte. Das ist das Gegenteil von Berufs- und Lebensplanung.

Wir haben StuBos in NRW gebeten, uns ihre Tipps und Anregungen mitzuteilen. Ich würde Sie gerne mit einigen Statements konfrontieren und Sie bitten, etwas dazu zu sagen. Eine Lehrerin schrieb uns damals: „Es macht keinen Sinn, SuS mit mittlerem Bildungsabschluss ständig zu suggerieren, dass es eigentlich ohne Sek II keinen Übergang Schule-Beruf gibt! Wir benötigen auch Personen im Handwerk, Handel etc.“. Damit beschreibt sie ein heftiges Problem, weil den Unternehmen gerade in den genannten Bereichen die Azubis fehlen.
Ich stimme der Lehrerin absolut zu. Das deutsche Handwerk ist extrem erfolgreich – auch international. Wer Elektriker oder Konditorin mit deutschem Meisterabschluss ist, ist überall auf der Welt gefragt. Viel mehr als ein Bachelor Germanistik. Und der Konditormeister verdient auch mehr als der Bachelor Germanistik. Für junge Leute kann man ableiten: „Wir haben großen Fachkräftemangel in sehr vielen Berufen. Du hast gute Chancen. Aber das nimmt dir nicht deine Entscheidung ab. Die musst Du selbst treffen. Willst du als Konditor, Elektriker, Hufschmied oder als Hoteldirektor dein Geld verdienen?“

Ein anderer StuBo schrieb: „Sinnvoll wäre, Praktikumsstellen besonders für Schüler in sozialen Brennpunkten zu finden, die von zu Hause aus wenig Unterstützung bekommen.“
Ein Praktikum ist kein Selbstzweck. Es hat nur Sinn innerhalb eines beruflichen Plans. Wer – nur mal als Beispiel – Polizist oder Richterin werden will, kann gar kein Praktikum als Polizist oder Richterin machen. Für diese Berufe taugt die Idee „Praktikum“ nicht. Es gibt aber Berufe, für die sind Praktika wichtig, zum Beispiel Kameramann oder Politikerin. Aber der zukünftige Kameramann oder die zukünftige Politikerin müssen sich ihr Praktikum selbst suchen. Es bringt nichts, wenn irgendjemand anderes die Praktika für sie „findet“ – selbst wenn das sicher gut gemeint ist. Vielleicht wäre für soziale Brennpunkte die Message „Du wirst nicht in alle Ewigkeiten von staatlicher Fürsorge leben können“ besser.

Wie wichtig sind aus Ihrer Sicht Praktika?
Es gibt eine Menge Berufe, für die Praktika gar nichts bringen, sagen wir mal Psychotherapeutin, Lokführerin, Polizistin. Der Sinn des Praktikums sollte niemals die Lebenslaufdekoration sein. Wenn einer zum Beispiel Kostümbilder werden will und ein Praktikum als Physiotherapeut in seinen Lebenslauf schreibt, macht sich völlig unglaubwürdig. Auch ein Sternekoch wird sich bedanken, wenn jemand in seiner Küche rumsteht, der nur ein Praktikum machen will, weil er gehört hat, dass das im Lebenslauf gut aussieht. Also, mein erster Tipp wäre: Praktika sind kein Allheilmittel gegen fehlende Entscheidungen.

Ein StuBo schrieb: „Ich wünsche mir eine stärkere Einbindung der Eltern.“
Grundsätzlich sollten Berufsentscheidung und Berufsplanung emanzipatorische Projekte sein. Das heißt: Schüler lösen sich von ihrem Elternhaus und gehen ihren eigenen Weg. Eine sinnvolle Einbindung der Eltern könnte sein, ihnen zu sagen, dass sie ihrem Sohnemann nicht zu viel Rumhängen finanzieren sollten. Das verlängert nur die Zeit des Lavierens. Besser wäre es, wenn Eltern ihren Kindern vermitteln, was es bedeutet, Geld zu verdienen und jeden Tag zur Arbeit zu gehen. Das ist der Rahmen. Den Inhalt müssen die jungen Leute selbst festlegen: Will ich Pastor oder Schornsteinfeger werden, Meteorologe oder Tierpfleger? Wenn man erstmal eine klare Entscheidung gefällt hat, wird es viel leichter herauszufinden, welche Schritte dahinführen. Überhaupt sind Informationen heute keine Mangelware. Jugendliche finden alles im Internet. Mangelware ist eher der Wille, sich zu entscheiden, erwachsen zu werden und Verantwortung für sein Leben zu übernehmen.

Frau Glaubitz, vielen Dank für das Gespräch!

Uta Glaubitz ist seit 25 Jahren Berufsberaterin. Ihre Kunden sind heute Winzer, Kapitänin, Geschichtslehrerin, Sternekoch, Notfallsanitäter, Försterin, Stuckateurin und vieles andere. Ihre Geschichten sind zu finden auf www.berufsfindung.de

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